Prof. Dr. Simone Kreher (Hochschule Fulda)
Prof. Dr. Lígia Giovanella (ENSP, Rio de Janeiro)
Prof. Dr. Arvind K Joshi (BHU, Varansi)

Vorstellungen von einem »guten Leben« in sozial ungleichen Lebenswelten bei Kindern.

Brasilien, Deutschland und Indien im Vergleich
(geplante Laufzeit 2012-2015)

© Eva Marr und Simone Kreher 2011

Gegenstand des Projektes ist die Frage, wie Kinder in Brasilien, Deutschland und Indien Vorstellungen von einem »guten Leben« entwickeln. Der bereits in der antiken Philosophie verankerte Begriff des »guten Lebens«, der in den letzten Jahren als Glücksforschung, als Research on Happiness and Well-Being eine populistische Konjunktur erlebt, soll für ein Vorhaben der international vergleichenden Kindheitsforschung aufgegriffen werden. Ausgangspunkt dafür ist, dass die Vorstellungen von einem »guten Leben« als grundlagentheoretisches Konzept unterbestimmt sind und sozialwissenschaftliche oder entwicklungspsychologische Projekte, vor allem aber die großen Surveys über Lebensbedingungen und Wohlergehen von Kindern, die Frage nach der Entstehung prospektiver Lebensvorstellungen weder formulieren noch beantworten.

Unser Vorhaben stützt sich auf die philosophischen Arbeiten Martha Nussbaums (1999) zur Grundstruktur der menschlichen Lebensform, die auf einer starken und vagen Konzeption des Guten beruhen und sich gegen ein kommerziell verflachtes Verständnis von Wohlergehen wenden. Es geht um prospektive Vorstellungen, die uns Menschen dazu befähigen sollen, unsere (künftigen) Lebensbedingungen zu gestalten oder stärker noch, sie als gestaltbare zu begreifen. Und es geht ausdrücklich nicht um die retrospektive Bewertung oder Einschätzung einer subjektiven Zufriedenheit mit irgendwie gearteten Lebensbedingungen, um die Messung von Wohlbefinden oder Handlungs- und Entscheidungskompetenzen, die in staatlich organisierten Bildungsprozessen erworben wurden und in Bezug auf bestimmte Normen evaluiert werden sollen.

Diese grundlagentheoretische Perspektive macht unsere Forschungsfrage zu Vorstellungen von einem »guten« Leben bei Kindern nicht nur spannend, sondern zu einem Schlüsselthema für integrative Projekte in den Kultur- und Gesellschaftswissenschaften und somit zu einer Frage hoher Relevanz für Wissenschaft und Gesellschaft. Sie soll für ausgewählte Forschungsfelder – Kinder in deprivierten und privilegierten Lebenswelten in Deutschland, Indien und Brasilien – untersucht werden.

In drei miteinander verschränkten Arbeitslinien und kontrastierenden Forschungsfeldern sollen Vorstellungen, die Kinder von einem »guten Leben« entwickeln, bearbeitet werden:

  1. ethnographisch-soziologisch: Die Forscherinnengruppe möchte gemeinsam mit den Kindern herausfinden, wie Vorstellungen von einem »guten Leben« entstehen (Spiel, Beobachtungen und Gespräche werden videografiert und analysiert).
  2. praktisch-philosophisch: Die Kinder sollen im Rahmen des Projektes über ihr »gutes Leben« philosophieren dürfen (Zukunftswerkstätten, Szenarien und andere Formen des Philosophierens mit Kindern werden praktiziert).
  3. performativ-künstlerisch: Die Kinder sollen eigene Wege finden, um ihren Vorstellungen von einem »guten Leben« einen kreativen Ausdruck zu verleihen (Performances, Klanginstallationen oder andere Kunstobjekte können entstehen).

Das Projekt arbeitet mit einem qualitativen, sensitiv-partizipativen Forschungsdesign. Forschungspartner/innen vor Ort (Brasilien, Indien und Deutschland), insbesondere jedoch die Kinder kommen als Experten ihrer Lebenswelt zu Wort, ihnen wird Raum für individuelle Ausdrucksweisen gegeben. Aus der gemeinsamen Arbeit von Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen und der Kinder vor Ort wird empirisch fundiertes Wissen über die sich wechselseitig konstituierenden Vorstellungen von einem »guten Leben« generiert.

Dabei werden in privilegierten Kinderwelten, in denen materieller Überfluss mit medialer Reizüberflutung einhergeht, ein hoher Leistungsdruck bereits im Kinderleben Alltag ist, andere Forschungs- und Arbeitsmethoden eingesetzt als in Lebenswelten, die von existenzieller Not, sozialer Deklassierung oder mangelnden Verwirklichungs- und Teilhabechancen gekennzeichnet sind. Nicht nur in den Forschungsprozessen, sondern auch beim Philosophieren und künstlerischen Gestalten mit Kindern in Deutschland, in Indien oder in Brasilien sowie bei der Präsentation der Projektergebnisse werden innovative Wege eingeschlagen.

Literatur

  • Kreher, S., Giovanella, L., & Joshi, A. K. (2011). Vorstellungen von einem »guten Leben« in sozial ungleichen Lebenswelten bei Kindern. Brasilien, Indien und Deutschland im Vergleich. [Projektskizze Nr. S107679]. VW-Stiftung: Schlüsselthemen für Wissenschaft und Gesellschaft, 14.
  • Kreher, S., Marr, E., & Keller, C. (2010). Einen Porsche Cayenne mit Wohnanhänger fahren, eine eigene Katze haben dürfen oder bei einer Freundin übernachten? Wie Kinder ihre Vorstellungen von einem „guten Leben“ heute zum Ausdruck bringen. Forum Gemeindepsychologie, 21. http://www.gemeindepsychologie.de/fg-3-2010_05.html
  • Nussbaum, M. C. (1999). Gerechtigkeit oder Das gute Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Pauer-Studer, H. (1999). Einleitung. In M. C. Nussbaum (Ed.), Gerechtigkeit oder Das gute Leben (pp. 7-23). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Kontakt

Prof. Dr. Simone Kreher
Soziologie der Gesundheit
Hochschule Fulda
FB Pflege und Gesundheit
Marquardstr. 35
36039 Fulda

simone.kreher@bitte-loeschen.pg.hs-fulda.de
Tel.: 0661-9640-630