Wie fotografieren Mädchen ihre Lebenswelten?

 
Ein Projekt zur Mediensozialisation

Heike Bauer, Claudia Henkel, Ulrike Leuner, Nathalie Rothe, Annika Salzmann, Caroline Stadthaus, Anne Trinkies, Prof. Dr. Simone Kreher

Laufzeit des Projektes: 10/2010 – 08/2011

Kontakt:
Projekt Mediensozialisation von Mädchen
Prof. Dr. Simone Kreher
Hochschule Fulda
Marquardstr. 35
36039 Fulda
simone.kreher@bitte-loeschen.pg.hs-fulda.de
Tel.: 0661- 9640 630

Von links nach rechts: Anne Trinkies, Ulrike Leuner, Annika Salzmann, Nathalie Rothe, Caroline Stadthaus, Simone Kreher (sitzend); Foto: Helma Bleses

Eine Fragestellung und ein Projektdesign muss her oder wie alles begann?

In modernen Gesellschaften sind Lebenswelt und Mediennutzung enger miteinander ver-knüpft als jemals zuvor. Infolgedessen nehmen Untersuchungen über traditionelle und virtuelle Medien sowie Forschungsprojekte, die selbst mit Medien arbeiten, immer mehr Raum in der sozialwissenschaftlichen Forschungslandschaft ein. Die Mediensozialisations-forschung untersucht, inwiefern das Alltagsleben der Menschen von Medien beeinflusst wird und umgekehrt, wie unterschiedliche soziale Gruppen ihren Alltag durch die Nutzung von Medien aktiv gestalten.

In diesem Kontext ist unser Studienprojekt der Frage nachgegangen, wie Mädchen ihre Lebenswelten fotografieren. Gemeinsam mit Schülerinnen der Jahrgangsstufe 5 der Marienschule Fulda haben wir in Erfahrung gebracht, wie Mädchen ihre individuell sehr verschiedenen Lebenswelten wahrnehmen, wie sie diese fotografisch darstellen und interpretieren. Dabei standen drei Leitfragen im Mittelpunkt:

  • Welche Motive wählen die Mädchen aus?
  • Welche Bedeutungen schreiben sie dem Fotografieren für ihre Alltagspraxis zu?
  • Wie würden sie ihre Lebenswelten umgestalten, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten?

Auf diesem Weg wollten wir empirisch untersuchen, welche Vorstellungen von einem »guten Leben« sich in den Bildern, die die Mädchen fotografiert haben, repräsentieren.

Unser Projekt unterscheidet sich von anderen Ansätzen dadurch, dass es nicht ausschließlich nach den negativen Folgen intensiver Mediennutzung fragt, sondern Mediennutzung als kreative Auseinandersetzung mit der Umwelt, mit Peers, mit den jeweiligen Lern- und Freizeitwelten begreift. Die gemeinsam mit den Schülerinnen erarbeiteten Ergebnisse werden vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Debatten um geschlechtsspezifische und sozial ungleich verteilte Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen diskutiert und interpretiert.

Die Highlights der Projektarbeit

Die Laufzeit des Projektes, an dem 36 Schülerinnen der fünften Jahrgangsstufe und sieben Studierende des Studiengangs Gesundheitsmanagement teilnahmen, erstreckte sich über zwei Semester vom Oktober 2010 bis Juni 2011. In insgesamt 19 Projektsitzungen wurde von dem achtköpfigen Projektteam die Fragestellung erarbeitet, das Design und der Ablauf des Projektes konzipiert, Workshops und Treffen mit den Schülerinnen geplant, vorbereitet und durchgeführt sowie die erhobenen Materialien gesichtet, dokumentiert und mit deren Auswertung begonnen. Als Kooperationspartner konnten die Marienschule Fulda und insbesondere deren fünfte Klassen gewonnen werden. Die Idee die Schülerinnen als Forschungspartnerinnen aktiv in das Projekt mit einzubinden, war zentraler Bestandteil der Durchführung des Studienprojektes.

 
Projektaktivitäten von Januar bis Juni 2011
 

 
Beteiligte Einrichtungen und Personen
 

Studierende gehen wieder in die Schule

Besuch der Studierenden im Unterricht, Einladung zum Mitmachen und Übergabe der Projektdokumente an die Schülerinnen

Ort: Marienschule; Klassenräume

Beteiligte Personen: Schülerinnen, Studierende, Herr Lauer, Frau Kreher

Foto-Shooting oder ein Foto machen kann jede!

Wir lernen gemeinsam, was beim digitalen Fotografieren wichtig ist. Knipsen kann jeder, ein gutes Foto machen will gelernt sein.

Ort: Filmreflex Fulda, Heinrich-von-Bibra-Platz 3, 36037 Fulda; (Treffpunkt auf dem Schulhof; die Schülerinnen werden von Herrn Lauer begleitet)

Beteiligte Personen: Rolf Strohmann, Offener Kanal Fulda, Schülerinnen, Studierende, Herr Lauer, Frau Kreher

Girls first meeting

Termin zum Kennenlernen. Die Studierenden stellen ihre Ideen zum Fotoprojekt vor und erklären, warum wir mit und über Fotos forschen wollen.

Die Schülerinnen sprechen über ihre Ideen, formulieren Fragen und machen Vorschläge.

Ort: Marienschule; Raum: RCO2 (Haus Edith Stein)

Beteiligte Personen: Schülerinnen, Studierende, Herr Dr. Post, Herr Lauer, Frau Kreher

Wie geht es nach den Workshops weiter?

Die Schülerinnen und Studierenden fotografieren ihre Lebenswelten. Die Motive dafür sollen von den Mädchen selbstständig gewählt werden. So können auf den Bildern beispielsweise Freundinnen und Freunde, die eigene Umgebung, bestimmte Lieblingsorte oder bevorzugte Freizeitaktivitäten – eben alles, was die Fotografinnen bewegt – festgehalten werden. Für die Fotos leihen sich die Schülerinnen eine digitale Kamera der Hochschule aus oder benutzen einen familieneigenen Apparat.

Fotos am Laptop bearbeiten und in ein digitales Album einordnen

Wie kommt das Foto aus der Kamera in den PC?
Wie kann ich es bearbeiten und später immer wieder finden?

Ort: Filmreflex Fulda, Heinrich-von-Bibra-Platz 3, 36037 Fulda; (Treffpunkt auf dem Schulhof; die Schülerinnen werden von Herrn Lauer begleitet)

Beteiligte Personen: Medienpädagogen von Filmreflex Fulda

Teamsitzung I in kleinen Gruppen

Die Schülerinnen und eine Studierende bilden kleine Gruppen. Sie sehen sich die gemachten Fotos an, wählen ihre Lieblingsbilder aus und diskutieren gemeinsam.

Ort: Marienschule; Raum: RCO2 (Haus Edith Stein)

Beteiligte Personen: Schülerinnen, Studierende, Herr Lauer, Frau Kreher

Teamsitzung II im Plenum

Jede Fotografin präsentiert ihr Lieblingsbild

Alle Projektmitglieder, d.h. die Schülerinnen und die Studierenden sprechen darüber, welche Fotos ausgewertet werden sollen und ob wir eine virtuelle Fotogalerie oder Ausstellung organisieren wollen.

Ort: Marienschule; Raum: RCO2 (Haus Edith Stein)

Beteiligte Personen: Schülerinnen, Studierende, Herr Lauer, Frau Kreher

 

Was geschieht inzwischen?
Die Studierenden arbeiten an der Auswertung der Bilder und Gespräche mit den Schülerinnen. Die Schülerinnen sind herzlich eingeladen, uns an der Hochschule zu besuchen. Wir arbeiten immer montags von 15.00 Uhr bis 17.00 Uhr am Projekt.

Für die Studierenden ist die Forschungsarbeit genau so wichtig wie die Arbeit mit den Kindern. Die Schülerinnen können in der gemeinsamen Arbeit mit uns sehen, was es für Studierende bedeutet an FORSCHUNG teilzunehmen. Vielleicht verstehen hier nicht alle Schülerinnen alles. Wir freuen uns, wenn wir gefragt werden und versuchen, genau zu erklären, was wir wie und warum machen. WAS am Ende genau herauskommt, wissen wir heute auch noch nicht. Deshalb wollen wir es ja gemeinsam erfahren.

Fotofinish?

Präsentation erster Projektergebnisse. Schülerinnen und Studierende diskutieren, was nun beim Fotoprojekt herausgekommen ist. Es gibt Saft, Plätzchen und Tee.

Ort: Marienschule; Raum: RCO2 (Haus Edith Stein)

Beteiligte Personen: Schülerinnen, Studierende, Herr Lauer, Frau Kreher

Was steht am Ende der gemeinsamen Projektarbeit?

Die Studierenden schreiben ihre Projektarbeiten und machen eine mündliche Prüfung. Nach den Semesterferien im Sommer forschen wir weiter. Einige Studierende fertigen ihre Abschlussarbeiten über die Fotoanalysen an und Frau Kreher schreibt einen Forschungsantrag für ein Projekt zu den Vorstellungen von einem »guten Leben« bei Kindern und Jugendlichen.

Mediennutzung und Mediengestaltung – Radio, Fernsehen, Film und Internet – gehören für uns alle längst zum Alltag, aber auch zu einem gelingenden Leben dazu. Deshalb ist uns die Erforschung der sogenannten Mediensozialisation von Mädchen und Jungen so wichtig.

Hauptziel des Projektes war es, von den Schülerinnen zu erfahren, wie sie ihre Lebenswelten sehen und fotografisch dokumentieren. Zusätzlich wurden narrative Interviews zu den Fotos durchgeführt bzw. Briefe zu den Bildern verfasst. Während der Projektarbeit entstanden zahlreiche Arbeitsdokumente: Beobachtungsprotokolle und Memos, Briefe an die Schülerinnen, den Schulleiter und die Eltern sowie ein mehrere hundert Seiten umfassendes Feldtagebuch. Die Fotografien, die Tonbandaufzeichnungen der Interviews und Videoaufzeichnungen einiger Projekttreffen stellen eine reichhaltige Datenbasis dar, die in den nächsten Monaten intensiver ausgewertet werden soll.

Erste Ergebnissplitter

Für uns war es nicht nur überraschend, sondern auch eine große Herausforderung, dass sich so viele Schülerinnen für das Fotoprojekt interessiert und an allen Veranstaltungen mit großer Begeisterung teilgenommen haben. Da wir es also nicht mit einer kleinen Schülerinnengruppe zu tun hatten, mussten wir uns auf eine große Gruppe teilnehmender Schülerinnen und eine große Anzahl entstehender Fotos einstellen.

Quelle: eigene Darstellung Simone Kreher

So haben die 36 Schülerinnen und Studierenden jeweils zwischen 12 und 220 Fotos gemacht, viele davon bearbeitet und die schönsten, witzigsten oder originellsten ihren Mitschülerinnen vorgestellt. Sie haben zudem Briefe zu den Fotos geschrieben und mit den Studierenden Gespräche über ihre jeweiligen Motive geführt. Das bedeutet, dass wir parallel zu den Treffen mit den Schülerinnen versucht haben, die entstandenen Materialien zu dokumentieren und erste Analysen durchzuführen, die immer noch andauern.

Inzwischen wissen wir zwar, dass 18 der 36 Schülerinnen von vornherein Motive im Visier hatten, die sie später auch zu ihren Lieblingsbildern zählten. Wir wissen auch, wie oft nahestehende Personen, umsorgte Haustiere, besondere Orte, Musikinstrumente oder symbolisch verdichtete Motive als wichtiger Bestandteil der Lebenswelt aufgenommen und zum Lieblingsbild erklärt wurden.

Quelle: eigene Darstellung Simone Kreher

Wir sind jedoch noch nicht am Ende mit den vertiefenden Analysen einzelner Fotos und den fallvergleichenden Interpretationen des Bildmaterials, das auf den ersten Blick eindrucksvoll dokumentiert, dass die Schülerinnen der Marienschule in gesicherten und ihre individuelle Entwicklung anregenden Lebenskontexten aufwachsen. Inwiefern sich neben den zahlreichen Insignien gesicherten Wohlstandes im empirischen Material auch symbolische Brüche oder Irritationen gesicherter Wohlfahrt finden lassen, können wir beim derzeitigen Stand der Arbeiten noch nicht genau sagen.

Wir haben die Schülerinnen während der Treffen mit uns als sehr engagiert, selbstsicher, technisch versiert und kreativ erfahren. An vielen Stellen waren sie es, die die Projektarbeit gänzlich in ihre Regie genommen und beispielsweise spontan die lebensweltlichen Fotografien der Studierenden interpretiert haben; und dies alles ohne eine vorherige methodische Einweisung. Im Kontrast zu unseren Erlebnissen aus den gemeinsamen Veranstaltungen mit den Mädchen, wirkt ein bedeutender Teil des aufgenommen Bildmaterials sehr realistisch, realitätsangepasst und fast schon (über-)konventionell.

Was diese hypothetisch formulierten und widersprüchlich erscheinenden Befunde für die Mediensozialisation von Mädchen bedeuten, müssen wir im Rahmen unserer Projektgruppe noch viel genauer reflektieren als wir es bislang können. Deshalb arbeiten wir mit Hochdruck an den Analysen, versuchen unsere Ergebnisse auszuformulieren und sie mit Bezug auf die aktuelle wissenschaftliche Literatur zu diskutieren.

Wie soll es weitergehen?

Insgesamt schreiben fünf der sieben Studierenden im bevorstehenden Semestern ihre Bachelorarbeiten zu Themen schreiben, die in engem Zusammenhang mit der Projektarbeit stehen.

Sommersemester 2011:

Caroline Stadthaus

Lebenswelt fotografieren – Alltagswelt erforschen. Eine vergleichende Fotoanalyse bei Schülerinnen und jungen Frauen

Wintersemester 2011/12:

Heike Bauer

Fotografie(re)n als visueller Zugang zu den Lebenswelten von Schülerinnen. Zusammenfassende Befunde aus einem Mediensozialisationsprojekt

Claudia Henkel

Wohlbefinden und Medienkompetenz in der Kindheit – untersucht am Beispiel eines Fotoprojektes mit Schülerinnen

Nathalie Rothe

Wie können Sozialisationskontexte von Schülerinnen im Rahmen lebensweltanalytischer Ethnografien systematisch beschrieben werden?

Anne Trinkies

 

Vorstellungen von einem »guten Leben« in transgenerationeller Perspektive – untersucht auf der Grundlage von Fotografien und fokussierter Interviews mit Eltern und Kindern

Das Gender- und Frauenforschungszentrum der Hessischen Hochschulen (gFFZ) fördert die Weiterarbeit an unserem Projekt, in dem es bis zum Jahresende die Stelle für eine studentische Hilfskraft finanziert. Darüber hinaus sind wir auch weiter im Kontakt mit der Maienschule, werden unsere Projektergebnisse dort vorstellen und über die weitere Kooperation nachdenken.

Im Wintersemester 2011/12 startet zudem ein Studierendenprojekt, das sich mit einer Sekundäranalyse von Kindermedien beschäftigt. Unter dem Titel

Vorstellungen von einem »guten Leben« in Medien, die von Kindern oder für Kinder gemacht werden

fragt das Projekt, wie in speziell für Kinder oder von Kindern produzierten Medien »Wohlbefinden«, »Gesundheit«, »Glück« und die »Vorstellungen von einem guten Kinder-Leben« thematisiert werden.

Medien – beispielsweise die Zeitschrift Geolino, die Radiosendung Kakadu oder die Online-Präsentation des „goldenen Spatzen“ und einige der beliebtesten Kinderserien im Fernsehen wie „Sponge-Bob“ – werden systematisch mit dem Verfahren der konversationsanalytisch ausgerichteten Dokumenten- und Videoanalyse untersucht.

Neben den inhaltlichen Fragen müssen auch der Entstehungs- und Produktionskontext dieser Medien und ihre Aneignungs- und Verwendungskontexte in der Alltagspraxis der Kinder diskutiert werden. Auch diese studentische Projektarbeit wird sich in ein größeres Forschungsvorhaben einordnen, das sich international vergleichend mit prospektiven, d. h. in die Zukunft weisenden Lebensvorstellungen bei Kindern in sozial ungleichen Lebenswelten beschäftigt.

Im Zentrum der studentischen Arbeiten stehen vier Forschungsfragen:

  1. Welche Themen sind in den von und für Kinder produzierten traditionellen elektronischen Medien präsent?
  2. Wie strukturieren sich gesellschaftliche Diskurse zu »Wohlbefinden«, »Gesundheit«, »Glück« und zum »guten Leben« in den von Kindern genutzten Medien?
  3. Welche Bilder von Kindheit werden medial erzeugt, vermittelt und gesellschaftlich angeeignet?
  4. Welche geschlechtsspezifischen Aneignungs- und Konstruktionspraktiken lassen sich in Medienanalysen herausarbeiten?

Literatur:

Andresen, S., Diehm, I., Sander, U. and Ziegler, H. (eds.) (2010), Children and the Good Life. New Challanges for Research on Children, Springer, Dordrecht, Heidelberg, London, New York.

Breckner, R. (2010) Sozialtheorie des Bildes. Zur interpretativen Analyse von Bildern und Fotografien. Bielefeld: Transcript-Verlag.

Heim, J., Brandtzaeg, P.B. and Kaare Hertzberg, B. (2007), 'Children's usage of media technologies and psychosocial factors', New Media & Society, 9, 3, 425-454.

Hurrelmann, K. and Andresen, S. (2010), Kinder in Deutschland 2010. 2. World Vision Kinderstudie, Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag.

Kreher, S., Marr, E. and Keller, C. (2010), 'Einen Porsche Cayenne mit Wohnanhänger fahren, eine eigene Katze haben dürfen oder bei einer Freundin übernachten? Wie Kinder ihre Vorstellungen von einem „guten Leben“ heute zum Ausdruck bringen.' Forum Gemeindepsychologie, 21.

Kübler, H.-D. (2009), 'Mediensozialisation - ein Desiderat zur Erforschung von Medienwelten Versuch einer Standortbestimmung und Perspektivik', Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, 4, 1, 1-26.

Punch, S. (2002), 'Research with Children: The Same or Different from Research with Adults?' Childhood, 9, 3, 321-341.