Prof. Dr. Simone Kreher, Prof. Dr. Thilo Schlott
Melanie Gebhardt, Julia Zahren, Swantje Kubillus

Homöopathisches Mediciniren zwischen alltäglicher Lebensführung und professioneller Praxis

 - hochschulintern gefördertes Projekt mit Unterstützung des Instituts
für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung Stuttgart (IGM) -

Abbildung 1: Auszug aus dem Index des Taufregisters von Kleinpaschleben (1815-1856) in der Handschrift des Pfarrers Albert Wilhelm Gotthilf Nagel;

Idee und Ziele des Projektes

In den mehr als 5000 überlieferten Patientenbriefen, die zeitlebens an den Arzt und Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann, gerichtet oder von ihm selbst an seine Patientinnen und Patienten verfasst wurden, repräsentieren sich sowohl milieugebundene Muster der alltäglichen Lebensführung seiner Patient(inn)engruppen als auch epochespezifische heilkundliche Praktiken von Laien und professionellen Medizinern.

Das Homöopathische Mediciniren im Hahnemannschen Sinne* ist damit nicht nur aufs engste mit der Lebensweise der Kranken verwoben, mit ihren Beschäftigungen, ihrer häuslichen Lage, ihren bürgerlichen Verhältnissen oder ihrer Gemüths- und Denkungsart (vgl. Hahnemann 1865, S. 183), sondern es verweist auch auf eine Praxis, die historisch dem vorausgeht, was wir heute als ressourcenorientiertes, ganzheitliches und gesundheitsför-derliches Handeln bezeichnen würden.

Homöopathische heilkundliche Praktiken werden, darauf lenken diese Briefwechsel unseren Blick auch noch heute, in einem interaktiven Prozess zwischen den Patient(inn)en und den praktizierenden Ärzten hergestellt und realisiert. Wie dies genau geschieht, wie sie als kulturelle Praxis etabliert und immer wieder bekräftigt und/oder modifiziert werden, soll in dem Forschungsvorhaben mittels interpretativer Verfahren, die in den qualitativen Sozialwissenschaften nicht aber in der medizinhistorischen Forschung üblich sind, untersucht werden.

Materialbasis und historische Bezüge

Samuel Hahnemanns „individualisierende Untersuchung eines Krankheitsfalles“ verlangt vom Heilkünstler eine besondere „Aufmerksamkeit im Beobachten“ und die Aufzeichnung der Beschwerden der Kranken „genau mit denselben Ausdrücken [derer sich die Kranken] und die Angehörigen bedienen“ und ermöglicht uns als Sozialwissenschaftlerinnen so rekonstruktive Analysen der „freiwilligen und bloss [vom Arzte] veranlassten“ Erzählungen der Kranken (Hahnemann 1865, S. 135, 137). Von seinen Patientinnen und Patienten forderte er nicht nur tagebuchartige Notizen zum Befinden und zu den von ihnen wahrge-nommen Symptomen sowie das Lesen seiner homöopathischen Werke ein, sondern auch die aktive Mitarbeit am Behandlungs- und Heilungsprozess (Brockmeyer 2009). Insofern eignen sich die uns zur Verfügung stehenden auto(bio)graphischen Quellen aufgrund ihrer Struktur und Qualität in besonderer Weise für interpretative und fallrekonstruktive Arbeiten (Osten 2010), die im Sinne der historischen Ethnographie (Steinacker 2010) einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der Gesundheitswissenschaften zu leisten vermögen.

Die Patientenbriefe an und von Hahnemann und die Krankenjournale aus seiner Praxis sind als methodisch gestaltete Kommunikationszüge zu verstehen, die zum einen in ihrer Eigensinnigkeit als spezielle Aufschreibesysteme und zum anderen in ihren Entstehungs- und Verwendungszusammenhängen untersucht werden müssen (Wolff 2000). Dazu ist ein politisches, weltliches und kirchengeschichtliches Ereignisbild der Zeit von 1790 bis 1850 zu erarbeiten, das es ermöglicht mikrohistorische Befunde in größere sozial- und regionalgeschichtliche Zusammenhänge einzubetten (Ginzburg 1993). Zudem muss rekonstruiert werden, welche zentralen Entwicklungslinien sich für die Medizin als Wissenschaft in dieser Epoche charakterisieren lassen und wie sich schulmedizinische und homöopathische Praxis zueinander positionierten.

*Wir benutzen den heute nicht mehr gebräuchlichen Begriff „mediciniren“, der sowohl in den Schriften Samuel Hahnemanns als auch in den Briefen von Albert Wilhelm Gotthilf Nagel vorkommt, als Terminus, um soziale Praktiken des Heilens, der Selbsteinnahme von Arzneien und/oder andere gesundheitsbezogene Handlungen zu bezeichnen.

Empirisches Material und methodische Zugänge

Bei Forschungsvorhaben die sich als historisch-ethnographische begreifen spielt die empirische Datenbasis mehr als eine herausragende Rolle (Henning 2004). Die Auffindung, quellenkritische Sichtung und Aufbereitung des empirischen Materials stellt fast schon ein eigenes Projekt dar, das in unserem Fall während der letzten beiden Jahren stetig begleitet war von der Recherche nach einschlägiger medizin-historischer Forschungsliteratur.

So hat sich die komplexe Datenbasis für das Projekt stetig erweitert, da während der Arbeiten immer wieder neue historische Quellen aufgefunden wurden, die einen Zusammenhang zu Hahnemanns Köthener Patientenschaft resp. zu den von uns betrachteten Personen und Fragestellungen aufweisen. Es handelt sich einerseits um autobiographische Dokumente (primäres empirisches Material) und andererseits um archivalische Quellen wie zum Beispiel Zeugnisse, Imatrikulationsbescheinungen oder Einträge in Kirchenbüchern (sekundäres empirisches Material) aus der Zeit von 1790 bis 1850.

Auf der ersten Ebene bilden mehr als 100 handschriftlich und in deutscher Kurrentschrift verfasste Briefe mehrerer Patientinnen und Patienten von Samuel Hahnemann sowie des Homöopathen selbst die Datenbasis. Davon entfallen ca. 50 Briefe auf die Pastoren-Familie Nagel aus Kleinpaschleben (Köthen/Anhalt), mehr als 10 Briefe sind der Regierungsräthin Charlotte Kohl und 25 Briefe der Familie Mühlenbein aus Wörbzig zuzuordnen. Die jeweils korrespondierenden Dokumente Samuel Hahnemanns (Briefe und Eintragungen in den Krankenjournalen), die ebenfalls bearbeitet werden müssen, können beim augenblicklichen Stand der Arbeiten noch nicht beziffert werden. Diese Dokumente gehören zum Bestand B (Deutsche Patientenbriefe an und Krankenblätter von Samuel Hahnemann) und zum Bestand E (ED Einzelne Schriftstücke aus den Krankenjournalen Samuel Hahnemanns), die uns aus dem Archiv des Institutes für die Geschichte der Medizin (IGM) der Robert-Bosch-Stiftung in Stuttgart zur Verfügung gestellt werden (Dinges 2009).

Im Rahmen der bis zum Frühjahr 2010 laufenden Projektphase werden die editorischen und archivalischen Vorarbeiten für ein zu beantragendes größeres Drittmittelprojekt realisiert. Solche editorischen Arbeiten sind im vorliegenden Fall besonders aufwändig, da es sich um das Transkribieren von Privatschriften aus der Zeit zwischen 1750 und 1850 handelt. Für die sorgfältige Transkription von Briefen und Dokumenten sind nicht nur besondere Kompetenzen im Umgang mit historischen Dokumenten erforderlich, sondern eben auch die Lesefähigkeit der Handschriften aus dieser Zeit und die Einhaltung der Richtlinien zur Edition von Hahnemann-Handschriften (Michalowski 1990).

Des Weiteren müssen die in der qualitativen Sozialforschung weit verbreiteten Interpretations- und Analyseverfahren, die noch sehr selten für historische Fragestellungen und Materialien genutzt werden, adaptiert und auf ihre Praktikabilität hin überprüft werden.

Um die Patientenbriefe im Rahmen eines größeren Forschungsvorhabens edieren und auswerten zu können, sind zusätzliche biographische Daten und familiengeschichtliche Dokumente der betreffenden Personen zu recherchieren, quellenkritisch zu sichten und aufzuarbeiten (Köttig 2005). Nur so kann der zeitgeschichtliche Horizont der Hahnemannschen Praxis und der regionalgeschichtliche Hintergrund der Lebensführung dieser Familien umfassend erschlossen werden.

Deshalb stellen historischen Quellen ein überaus wertvolles, geradezu einzigartiges empirisches Material für historisch-gesundheitswissenschaftliche Fragstellungen dar. Bislang werden solche Themen noch nicht von Gesundheitswissenschaftler(inne)n, sondern am ehesten von Historiker(inne)n bearbeitet, die auf diese Weise dann auch die Disziplinengeschichte der Gesundheitswissenschaften schreiben (Baschin 2010, Dietrich-Daum; Dinges; Jütte, et al. 2009, Hoffmann 2010). Insofern soll dieses Projekt, dessen Arbeitslinien und Ergebnisformen in Abbildung 3 dargestellt sind,  ein für den Fachbereich Pflege und Gesundheit an der Hochschule Fulda neues Forschungsfeld eröffnen, das noch dazu geeignet ist, eine Lücke im Themenkanon unseres Lehrangebotes zu schließen.

Literatur

  • Baschin, Marion: Wer lässt sich von einem Homöopathen behandeln? Patienten von Clemens Maria Franz von Bönninghausen, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2010.
  • Brockmeyer, Bettina: Selbstverständnisse. Dialoge über Körper und Gesundheit im frühen 19. Jahrhundert, Göttingen: Wallstein 2009, 452 S.
  • Dietrich-Daum, Elisabeth; Dinges, Martin; Jütte, Robert, et al.: "Arztpraxen im Vergleich: 18.-20. Jahrhundert", Innsbruck, Wien, Bozen: Studienverlag 2009.
  • Dinges, Martin: "Beständeübersicht des Archivs des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung (IGM)", Stuttgart: 2009, S. 29.
  • Ginzburg, Carlo (1993): Mikro-Geschichte. Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß, Historische Anthropologie (1)2. S. 169-192.
  • Hahnemann, Samuel: "Organon der Heilkunst: Mit Abdruck der Vorreden und Wichtigsten Varianten der ersten bis fünften Auflage, neuen Bemerkungen und einem Anhange aus Samuel Hahnemann's Schriften", hg. v. Arthur Lutze, Köthen: Paul Schnettler's Verlag 1865.
  • Henning, Eckart: "Einleitung", in: Die archivalischen Quellen. Mit einer Einführung in die historischen Hilfswissenschaften, hg. v. Friedrich Beck; Eckart Henning, Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2004, S. 1-6.
  • Hoffmann, Susanne: Gesunder Alltag im 20. Jahrhundert?, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2010.
  • Köttig, Michaela: "Triangulation von Fallrekonstruktionen: Biographie- und Interaktionsanalysen", in: Biographieforschung im Diskurs, hg. v. Bettina Völter;  Bettina Dausien;  Helma Lutz, et al., Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2005, S. 65-83.
  • Michalowski, Arnold: "Richtlinien zur Edition von Hahnemann-Handschriften", in: Medizin, Gesellschaft und Geschichte. Jahrbuch des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung, hg. v. Robert Jütte, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 1990, S. 195-203.
  • Osten, Philipp: Patientendokumente. Krankheit in Selbstzeugnissen Stuttgart: 2010, 268 S.
  • Steinacker, Sven: "Historische Ethnographie: Der Forscher im Staub der Aktendeckel", in: Auf unsicherem Terrain, hg. v. Friederike Heinzel;  Werner Thole;  Peter Cloos, et al., Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010, S. 67-81.
  • Wolff, Stephan: "Dokumenten- und Aktenanalyse", in: Qualitative Forschung. Ein Handbuch, hg. v. Ernst von Kardorff Ines Steinke Uwe Flick, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2000, S. 502 - 513.

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