Deutungen des Konstruktes 'Wachkoma'

„Deutungsmuster ‚Wachkoma‘ – eine projektfokussierte Trajektanalyse“

Drittmittelprojekt. Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Projektleitung:

Prof. Dr. Henny Annette Grewe

Kooperationspartner:

Technische Universität Dortmund

  • Prof. Dr. Ronald Hitzler

Projektmitarbeiter(Innen):

Hochschule Fulda: 

  • Prof. Dr. Henny Annette Grewe 
  • Kathrin Möller  (M.Sc. Public Health ) 
  • Patrick Welzel

Technische Universität Dortmund:

  •  Jessica Pahl, M.A 
  •  Nina Kroner

Projektlaufzeit: 01.07.2012 – 31.12.2014

Hintergrund

Die Überlebenschancen für Menschen nach Unfällen oder schweren Erkrankungen des zentralen Nervensystems sind im Zuge technischer Neuerungen und des Fortschritts der modernen Intensivmedizin seit den 1970er Jahren deutlich gestiegen (vgl. Brewer 1979; Schuster 2007; Sikinger et al. 2005). Diese Entwicklung betrifft auch die diejenigen Personen, die sich im sogenannten ‚Wachkoma‘ befinden. Waren zuvor die meisten dieser Menschen in Folge des Akutereignisses unmittelbar gestorben, wird nun durch die Nutzung immer effizienterer intensivmedizinischer Behandlungsmöglichkeiten zunehmend ein langfristiges Überleben auch nach schwersten Schädigungen des (Groß-)Hirns möglich. Das diese Patientinnen und Patienten kennzeichnende Krankheitsbild, einer augenscheinlichen Wachheit ohne erkennbares Bewusstsein über sich selbst oder die Umwelt, stellt damit ein intensivmedizinsches Artefakt dar, eine Art des Daseins, welche durch die medizinischen Fortschritte erst geschaffen wurde (Poeck/Hacke 2006: 85). 

Im Gegensatz zum großen Angebot an publizierten Fachbeiträgen, Leitartikeln und Meinungen zu diesem Symptomkomplex steht augenscheinlich das marginale Wissen zum Krankheitsbild selbst. Kenntnisse über das Krankheitsbild sind sowohl beim medizinischen und pflegerischen Personal während der Akutversorgung als auch innerhalb der Rehabilitationsmedizin unzureichend. Des Weiteren sind Menschen im Wachkoma bislang kaum Thema empirischer sozialwissenschaftlicher und medizinischer Untersuchungen. Wir beabsichtigen diese Forschungslücke zu verringern, indem wir das Gesamtgeschehen ‚Wachkoma‘ in seinem Verlauf – von der Diagnosestellung über Therapiemöglichkeiten bis hin zu einer Therapiezieländerung oder einem Behandlungsabbruch – unter besonderer Berücksichtigung der individuellen, organisationalen und institutionellen Bedingungszusammenhänge ins Zentrum unseres soziologischen Forschungsinteresses rücken.

Forschungsfragen

Folgende forschungsleitende Fragestellungen bestimmen die empirische Arbeit: 

  1. Welche Akteurinnen und Akteure verbinden mit welchen Wissensbeständen was, wenn von ‚Wachkoma‘ (oder von Synonymen dieses Begriffs wie „Apallisches Syndrom“, „Vegetative State“ und „Unresponsive Wakefulness Syndrome“) die Rede ist?
  2. Welche Arten von Konnotationen und Implikationen verbinden die Akteurinnen und Akteure mit dem Symptomkomplex ‚Wachkoma‘? 
  3. Welche beiläufigen und absichtlichen, direkten und indirekten praktischen Konsequenzen ergeben sich nach der vermeintlichen Bestimmung des Symptomkomplexes ‚Wachkoma‘?

Projektbeschreibung

Um die forschungsleitenden Fragen beantworten zu können, ist das Ziel dieses Projektes verschiedenen praktischen Umgangsweisen jedweder Akteurinnen und Akteuren sowie die diesen zugrundeliegenden Einstellungen im Umgang mit wachkomatösen Patientinnen und Patienten in den einzelnen diagnostisch-therapeutischen Phasen zu untersuchen. Es werden Einrichtungen der Rehabilitationsphasen B-F der neurologischen Rehabilitationskette ethnografisch erkundet, um den gesamten Krankheitsverlauf des Symptomkomplexes ‚Wachkoma‘ systematisch erschließen zu können. Ergänzend soll die Bedeutung von Begleitagenturen (Gerichte, Krankenkassen, Pflegeversicherungen, Rentenanstalten, Berufsgenossenschaften, Sozialämter etc.) und damit die Dynamik des Konstrukts ‚Wachkoma‘ rekonstruiert werden. 

Durch teilnehmende Beobachtungen mit (beiläufigen) Gesprächen und (systematischen) Interviews sowie durch umfassende Dokumentenanalysen wird das Feld ethnografisch erkundet. Das aus der ethnografischen Beobachtung gewonnene Datenmaterial wird interpretativ durch eine Deutungsmusteranalyse, korrespondierend zur wissenssoziologischen Hermeneutik, analysiert.

Literatur

  • Brewer, L.A (1979): Respiration and Respiratory Treatment. In: The American Journal of surgery 138: 342-354
  • Poeck, K.; Hacke, W. (2006): Neurologie. 12. Auflage. Heidelberg: Springer Medizin Verlag
  • Rickels, E.; Wild, K.; Wenzlaff, P. (2010): Head injury in Germany: A population-based prospective study on epidemiology, causes, treatment and outcome of all degrees of head-injury severity in two distinct areas. In: Brain Injury 24 (12): 1491-1504.
  • Schuster, H.-P. (2007): Intensivmedizin im Rückblick und Ausblick. In: Intensivmedizin 44: 471-474
  • Sikinger, M et al. (2005): Notfallmedizin gestern, heute und morgen. In: Notfall & Rettungsmedizin 8: 133-137

Kontakt

Katrin Möller, M.Sc. (Public Health)

Hochschule Fulda
Fachbereich Pflege und Gesundheit
Marquardstr. 35 

36039 Fulda

Tel.: +49 (0)661 9640 6485

kathrin.moeller@bitte-loeschen.pg.hs-fulda.de