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Soziale Ungleichheit

Ungleichheit von Gesundheits- und Verwirklichungschancen

© Jan Polacek 2012

Gründung einer Forscherinnengruppe zu den Vorstellungen von einem »guten Leben« in sozial ungleichen Lebenswelten am 17. April 2012

1. Warum gründen wir die Forscherinnengruppe ?
Vor dem Hintergrund veränderter ökonomischer Rahmenbedingungen, rechtlicher und institutioneller Kontexte haben sich während des vergangenen Jahrzehnts die Diskussionen um individuelle Verwirklichungschancen, ungleiche Lebensbedingungen und gesundheitliche Ressourcen in den Sozial- und Gesundheitswissenschaften beträchtlich intensiviert. Begriffe wie Erfolg, Flow, Glück oder Lebensqualität und Well-Being sind aus diesen Debatten nicht mehr wegzudenken und dennoch ist die fundamentale Frage danach, wie sich in die Zukunft gerichtete Vorstellungen von einem »guten« Leben entwickeln weder theoretisch beantwortet noch empirisch hinreichend genau untersucht. Eine gelingende, zufriedenstellende Lebensführung als demokratisches Grundrecht für jeden einzelnen resp. für alle ist auch in der widersprüchlichen Moderne aufs engste mit Gesundheit verbunden und ungleich schwerer theoretisch zu fassen beziehungsweise empirisch zu erforschen als retrospektive Zufriedenheiten mit dem Leben insgesamt oder mit einzelnen Bereichen der Lebenswirklichkeit. 
Dem weit verbreiteten und kommerziell verflachten Verständnis von Glück, Quality of Life oder Well-Being entgegentretend und an die philosophischen Arbeiten Martha Nussbaums zum guten Leben anknüpfend, wird in verschiedenen Forschungsfeldern untersucht, wie es Menschen unter sozial ungleichen Lebensbedingungen und in einer scheinbar immer unübersichtlicher werdenden Alltagswelt gelingt, prospektive Lebensvorstellungen zu entwickeln:
(1)  Woher wissen Menschen, dass sie so gut wie die Eltern- und Großelterngeneration und doch ganz anders leben wollen? Wie nehmen sie als Handelnde in verschiedenen sozialen Gruppen das Geschehen, die Konflikte und die Widersprüche ihrer Mit- und Umwelt wahr? Wie antizipieren sie Chancen und Restriktionen, die sich aus ihrer je individuellen Lebenssituation ergeben und gestalten daraus eine Zukunft, die nicht abzusehen ist und so noch nie da gewesen sein kann?
(2)  Wie gelingt es Kindern und Jugendlichen, die in prekären, ärmlichen Verhältnissen, in mehrfach belasteten Familien aufwachsen, ein ausreichendes Maß an Handlungsbefähigung aufzubauen, um sich ihr »gutes Leben« nicht nur in Gedanken ausmalen zu können, sondern auch Chancen dafür zu erkennen und praktisch zu ergreifen? Wie verarbeiten Kinder und Jugendliche, die in gesichertem Wohlstand aufwachsen, essentielle Bedrohungen der Selbstverständlichkeiten ihres »guten Lebens« angesichts der sich verschärfenden ökonomischen und/oder ökologischen Krisen?
(3)  Ausgehend von der Annahme, dass alle Menschen in der Lage sind, ihr Leben planvoll zu gestalten und es in Verbundenheit mit anderen zu leben (vgl. Nussbaum 1999, S. 53) wird erforscht, welche prospektiven Lebensvorstellungen beispielsweise Erwachsene, die nicht (oder nur wenig) lesen und schreiben können, entwickeln. Wie kann es ihnen gelingen, ihre Chancen auf Gesundheit, individuelle Entwicklung und gesellschaftliche Teilhabe zu verbessern?
(4)  Inwiefern erweisen sich Vorstellungen von einem »guten Leben« als geschlechtsspezifische bzw. geschlechterübergreifende soziale Konstruktionen, die sich im Lebensverlauf des Einzelnen wandeln und in medialen Diskursen vermittelt werden? 

2. Wie soll die Forscherinnengruppe arbeiten?
Hauptziel der neu gegründeten Forscherinnengruppe ist es, die Arbeiten aus verschiedenen Projekten und Forschungsfeldern zu den Vorstellungen von einem »guten Leben« in sozial ungleichen Lebenswelten zusammenzuführen. Dazu trifft sie sich während des Semesters einmal monatlich für ca. zwei Stunden, um den Stand individueller Arbeiten zu präsentieren, verfasste Texte zu diskutieren und an theoretischen Ideen weiterzudenken. Die konkreten Arbeitsformen sollen möglichst vielfältig und frei wählbar sein, die Kooperationsbereitschaft in der Gruppe jedoch als verbindlich begriffen werden. Sowohl Methodenpluralismus als auch die Erschließung neuer empirischer Zugänge sowie die Erprobung neuer Arbeitsweisen sind in der Forscherinnengruppe ausdrücklich erwünscht.

3. Wer kann mitarbeiten?
Jedes Mitglied des Fachbereiches und auch Studierende, die zu einer Fragestellung arbeiten, die in mittelbarer oder unmittelbarer Verbindung zu den oben genannten Themen steht, und daran interessiert sind, eigene Arbeiten mit anderen zu diskutieren. Gäste sind zu den bereits geplanten Sitzungen herzlich willkommen:
 

Termin:

Thema, Inhalt und Plan für die Sitzungen im Raum SLS 203:

Verantwortlich für den Input:

17.04.2012
13.00-14.30 Uhr

1. Analphabetismus, gesundheitliche Ressourcen, Vorstellungen von einem guten Leben am Beispiel eines VHS-Kurses im Vogelsbergkreis (Bachelorarbeit)

2. Vorstellungen von einem »guten Leben« bei Heranwachsenden – individuelle Verwirklichungschancen, institutionelle Handlungskontexte und sozialpolitische Diskurse (Exposé zur Dissertation)

T. Pietsch

 

 

E. Marr

 

15.05.2012

13.00-14.30 Uhr

1. Zu den Vorstellungen von einem „guten Leben“ von Schülerinnen und Schülern in mono- und koedukativen Schulen. Eine systematische Übersichtsarbeit (Bachelorarbeit)

2. „Schülerinnen fotografieren ihre Lebenswelten“ (Exposé zur Publikation)

L. Nierlich

 


C. Henkel

12.06.2012

13.00-14.30 Uhr

Stand der Arbeit an der Publikation zum Mediensozialisationsprojekt

C. Henkel,
N. Rothe und
S. Kreher

10.07.2012

17.00 Uhr mit Abendessen

Ideen zur Weiterarbeit am Forschungsschwerpunkt – Ausarbeitung eines Drittmittelantrags

S. Kreher

 

Literatur:

  • Kreher, Simone, and Eva Marr. 2012. "Vorstellungen von einem »guten Leben« in sozial ungleichen Lebenswelten – Impressionen des lebensweltanalytischen Arbeitens mit Kindern " in Lebenswelt und Ethnographie, edited by Volker Hinnenkamp, Simone Kreher, Angelika Poferl, and Norbert Schröer. Essen: Oldib.
  • Kreher, Simone, Eva Marr, and Christine Keller. 2010. "Einen Porsche Cayenne mit Wohnanhänger fahren, eine eigene Katze haben dürfen oder bei einer Freundin übernachten? Wie Kinder ihre Vorstellungen von einem „guten Leben“ heute zum Ausdruck bringen." Forum Gemeindepsychologie:21.
  • Marr, Eva. 2011. "Das "gute Leben" aus der Perspektive kindlicher Lebenswelten. Ergebnisbericht zur systematischen Literaturrecherche“. Fachbereich Pflege und Gesundheit. Hochschule Fulda.
  • Nussbaum, Martha C. 1999. Gerechtigkeit oder Das gute Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp.



Ansprechpartnerin: Prof. Dr. Simone Kreher; simone.kreher@bitte-loeschen.pg.hs-fulda.de; Tel.: 0661-9640-630