Geschlechtsspezifik

Die Geschlechtsspezifik familialer Bildungsstrategien im Mehrgenerationenzusammenhang

Prof. Dr. Susanne Weber, Dr. Anna Brake

Stichworte: institutional literacy, Mehrgenerationenfamilie, Gender

Laufzeit: 1.7. 2005 – 31.12.2006

Finanzierung: Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst

Kurzfassung des Forschungsprojekts:
Das Projekt beschäftigt sich mit den Bildungsleistungen, die Familien im Kontext ihrer kulturellen Alltagspraxis erbringen und die sowohl für die einzelnen Familienmitglieder und deren kulturelle und soziale Teilhabe als auch für den Fortbestand und die Weiterentwicklung des Humanvermögens einer Gesellschaft von großer Bedeutung sind. Die Bildungsbedeutsamkeit der Familie soll anhand der Beschreibung und Analyse von Formen und Strategien der Aneignung und Weitergabe von Bildung und Kultur in der familialen Mehrgenerationenfolge im Spannungsfeld zwischen lebensgeschichtlicher und familiengeschichtlicher Entwicklung sowie im Kontext von Familientradition und sozialem Wandel herausgearbeitet werden.

Dabei interessieren die familienspezifischen Bildungsstrategien insbesondere unter dem Gesichtspunkt, welche Handlungsorientierungen geschlechtsspezifisch in Bezug auf den Umgang mit Institutionen und Organisationen vermittelt und angeeignet werden („institutional literacy“). Wie werden in diesem Bereich, in dem grundlegende familiale Voraussetzungen für ein erfolgreiches Gender Mainstreamings geschaffen werden, bildungsbezogene Gelegenheitsstrukturen und Gestaltungschancen für den Lebenslauf individuell und geschlechtsspezifisch genutzt und welche Kontinuitäten und Diskontinuitäten sind dabei über die Generationen und zwischen den Geschlechtern erkennbar?

Im Zentrum der empirischen Forschungsarbeit steht die Rekonstruktion und Dokumentation von Formen der generationenübergreifenden Generierung und Nutzung von Humanvermögen in familialen Handlungszusammenhängen in der Form von Familiensynopsen und darauf aufbauend Familienmonographien. Methodisch wird auf intensive narrative und leitfadengestützte Einzelinterviews, substitutive Fotointerviews sowie intra- und intergenerationale Gruppendiskussionen zurückgegriffen.

Ziel des Vorhabens:
Ziel der Untersuchung ist es, die Bedeutung des Bildungsortes Familie zum Ausgangspunkt für ein komplex angelegtes Gender Mainstreaming zu machen, das an der Schnittstelle zwischen Subjekt und Institution ansetzt und hier nach den Passungen bzw. Nicht-Passungen des geschlechtsspezifisch differenzierten Möglichkeitsraumes Familie und den Erfordernissen einer zunehmenden Institutionalisierung der Lebenswelten und der damit verbundenen fortschreitenden formalen Rationalisierung fragt. Welche bildungsbezogenen Gelegenheitsstrukturen bieten sich in Abhängigkeit von Geschlecht und sozialer Lagerung, die geeignet sind, die individuelle Handlungsfähigkeit und soziale Kompetenz der Familienmitglieder sicherzustellen und gleichzeitig deren kulturelle Teilhabe und soziale Anschlussfähigkeit zu ermöglichen? „Wenn wir Biographien besser verstehen wollen, dann geht es darum, den subjektiv gemeinten Sinn von Wahlhandlungen bezogen auf Gelegenheitsstrukturen und Ressourcen zu rekonstruieren“ (Heinz 2000, S. 183). Hierzu will das Projekt einen Beitrag leisten, indem es die alltagskulturelle Praxis in Mehrgenerationenfamilien daraufhin befragt, in welchem Ausmaß darin Gelegenheitsstrukturen bezogen auf an Bedeutung zunehmenden Kernkompetenzen eingelagert sind.

Aus ungleichheitstheoretischer Perspektive wird mit Bourdieu davon ausgegangen, dass sich durch das kulturelle und soziale Transmissionsgeschehen in der Mehrgenerationenfamilie unterschiedliche Gelegenheitsstrukturen herstellen, die mit Eröffnungen aber auch Verschließungen bezogen auf die kulturelle Teilhabefähigkeit und soziale Anschlussfähigkeit der Familienmitglieder einhergehen. Dabei geht es nicht nur um die Analyse des Umgangs mit Institutionen und Medien als Quelle vertikaler sozialer Ungleichheit, sondern auch Geschlecht als Dimension horizontaler sozialer Differenzierung gilt es in diesem Zusammenhang genauer zu untersuchen: in welchem Ausmaß stellt der Bildungsort Familie hier für die Geschlechter in unterschiedlichem Maße und in unterschiedlicher Qualität Möglichkeiten zum Erwerb von „institutional literacy“ bereit?

Kontakt:
Prof. Dr. Susanne Weber
Hochschule Fulda
FB Sozialwesen
Marquardstr. 35
D-36039 Fulda

Telefon: 0661/9640-224
Fax: 0661/9640-249
Email: Susanne.weber@sw.hs-fulda.de

Dr. Anna Brake
Universität Augsburg
FB Soziologie und empirische Sozialforschung

Telefon: 0821/598-4077
Fax: 0821/598-4222
Email: anna.brake@phil.uni-augsburg.de