Krankengeschichten

Krankengeschichten von Frauen - Interventionsbedarf durch gendersensible soziale Arbeit innerhalb und außerhalb der Gesundheitsversorgung

Projektleitung: Prof. Dr. Beate Blättner, Prof. Dr. Henny Annette Grewe,

Mitarbeiterin: Dipl. Pflegewirtin Martina Wachtlin, M.Sc. 

Studentische Mitarbeiterinnen: Ulrike Fuchs, Kerstin Krüger

Stichworte: Gesundheitsversorgung, Krankengeschichten, Krankheitsbewältigung, Biographieforschung, Grounded Theory

Laufzeit: 4/2004-9/2005

Finanzierung: Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Forschungsschwerpunkt Gender und Soziale Arbeit

Kurzbeschreibung:

Die Arbeit, die im Verlauf einer chronischen Krankheit von den Betroffenen zu leisten ist, ist immer auch Arbeit an der eigenen Biografie (vgl. Corbin/Strauss 2004) und insofern nicht geschlechtsneutral zu betrachten. Die Rekonstruktion der erlebten und erzählten Krankengeschichten von kranken Frauen ermöglicht Erkenntnisse darüber zu generieren, wie sich Krankheitsverlaufskurven und der sozial konstruierte Lebenslauf verbinden, wie Strategien der Krankheitsbewältigung und Lebensbewältigung miteinander gekoppelt sind und welche Art von Intervention durch soziale Arbeit in welcher Phase des Krankheitsverlaufes sinnvoll erfolgen könnte. Wie der Lebenslauf in jedem sozialen System, das zwei Geschlechter unterscheidet, als Lebenslauf einer Frau oder eines Mannes konstruiert wird, sind auch Krankengeschichten, verstanden als subjektives Krankheitserleben und Einbettung des Krankheitsverlaufs sowie der zu leistenden Arbeit in die Lebensgeschichte eines Menschen, geschlechtsdifferent zu betrachten.

Dem Projekt lagen narrative Interviews mit 10 chronisch schmerzkranken und 10 krebskranken Frauen zugrunde. Die nach der Methodik nach ROSENTHAL (1995) entstandenen Fallrekonstruktionen zeigen zunächst einmal beeindruckend welche gesundheitsfördernden oder Krankheit begünstigenden Bewältigungsstrategien Frauen nutzen, über welche subjektiven Gesundheits- und Krankheitstheorien sie verfügen und wie diese lebensgeschichtlich entstanden sind. Die aus den Fällen gewonnenen Strukturhypothesen als auch zentral generierten Hypothesen zu den Forschungsfragen des Projektes kommen der Idee einer veränderten Versorgungspraxis, die sich an den Bedürfnissen der Betroffenen, resp. betroffenen Frauen ausrichtet, zumindest ein Stück weit näher. In einem kontrastiven Vergleich von fünf Krankengeschichten, zwei chronisch Schmerzkranken und drei krebskranken Frauen ließen sich folgende Hypothesen generieren:

(1) Kranke Frauen brauchen Unterstützung darin, gesellschaftlich sinnstiftende Arbeit auch dann auszuführen, wenn sie krankheitsbedingt nicht mehr zur Fortsetzung ihrer bisherigen Erwerbsarbeit in der Lage sind. Sozial anerkannte Arbeit trägt dazu bei, dass Frauen ihr Leben angesichts der Krankheit retrospektiv aber auch antizipierend als selbstbestimmt und sinnstiftend erleben.

(2) Schuld ist ein Thema, welches sich in allen Krankengeschichten in verschiedenen Relationen des Schuld-Habens, Schuld-Seins und Schuld-Gebens widerspiegeln.

(3) Kranke Frauen benötigen eine Nicht-pathologisierende Unterstützung in der biografischen Arbeit, die sie krankheitsbedingt zu leisten haben. Die biografische Arbeit zu psychologisieren, und vielmehr noch zu pathologisieren, ist für Frauen wenig hilfreich. Sie lernen darüber nur, dass sie letztlich eben doch in ihrem ganz spezifischen Frausein, in ihrer Identität, behandlungsbedürftig und krank sind.

Es fällt kranken Frauen schwer, über ihre Krankheit in Verbindung mit ihrer Lebensgeschichte zu kommunizieren. Einschneidende Lebenserfahrungen wie Krankheiten und biografischen Brüche lösen das Thema Schuld aus und haben oftmals eine Pathologisierung der eigenen Lebensentwürfe zur Folge. Der daraus abzuleitende Unterstützungsbedarf, die die Krankengeschichten erfordern, ist eine Unterstützung in der retrospektiven biografischen Arbeit, die zugleich auf die Zukunft gerichtet ist und prinzipiell durch soziale Arbeit gendersensibel mitgetragen werden könnte. Frauen benötigen Unterstützung darin, ihr gelebtes Leben als sinnvoll verstehen zu können und sich in der Gesellschaft zugleich eine zukunftsweisende, erneut sinnstiftende Perspektive aufzubauen, die mit der Erfahrung des Krankseins verbunden sein könnte. Biografische >Irrtümer< müssen als wertvolle biografische Erfahrungen erlebt werden können, ohne dass der Sinn des Lebens damit in Frage gestellt werden muss.

Biografische Arbeit als Verpflichtung der Betroffenen zu interpretieren, ihre Biografie als krankheitsverursachend zu betrachten, wirkt im Bewältigungsprozess keineswegs unterstützend. Vielmehr wäre es hilfreich für die Betroffenen, Biografie als etwas zu beschreiben, bei der Krankheit schlicht vorkommen kann und zukunftsweisend in die Biografie integriert werden muss (vgl. CORBIN/STRAUSS 2004, S. 68). Hierzu wären etwa Überlegungen über Neukonzeptionen von Beratungen und anderer sozialer Unterstützung hilfreich, die mit dem Ansatz des Empowerment arbeiten. Auf der gesellschaftlichen Ebene ist zudem eine Kommunikation über die Sinnstiftung von sozial anerkannter Arbeit, die Frauen leisten, notwendig. Mehr noch gilt es darüber hinaus, Frauen in ihren gesamten und vielseitigen Identitäten, die sie als sinnhaft beschreiben und nach denen sie ihre Lebensentwürfe ausrichten, wahrzunehmen. Soziale Arbeit innerhalb und außerhalb der Gesundheitsversorgung könnte in so gemeinte Problemlagen kranker Frauen intervenieren und sie in der Bewältigungsarbeit unterstützen.

 

Kontakt:
Prof. Dr. Beate Blättner
Hochschule Fulda
FB Pflege und Gesundheit
Marquardstr. 35
D-36039 Fulda

E-Mail: Beate.Blaettner@pg.hs-fulda.de